"Entschuldige mich für eine Sekunde, ich muss mal kurz eskalieren." Ein Schwank aus meinem Alltag und ein bisschen genähtes.

Angefangen hat es mit einem Salat.

Weil ich gestern zu faul zum kochen war und sich diese Faulheit heute früh auch noch auf das (nicht) Frühstück ausgeweitet hat, ist mein Magen heute mittag in der Schule ganz, ganz kurz davor, sich einfach frustriert zusammenzuknäulen und zu schmollen.

Die Kollegen wollen bestellen, also entscheide ich mich nach einem Blick in die Karte (hauptsächlich Pizza, Nudeln und eklige Schnitzel) für einen leckeren Salat mit allem drum und dran. Lecker!
Der Pizzabote bringt uns die Lieferung netterweise bis fast vor die Tür und ich gehe erwartungsfroh mit meinem, ökologisch echt nicht einwandfrei, dafür aber tropfsicher in Styropor verpackten Leckerli in Richtung Gemeinschaftsküche, um mir eine Gabel zu holen.
Und dann DAS:

Meine Laune sinkt drastisch, aber frohen Mutes mache ich mich auf die Suche nach einer sauberen Gabel. Die Schublade: leer. Die Spüle: voll. Wohl schon länger, dem Schmierfilm nach zu urteilen. Damit ist per Hand spülen für mich auch durch, da bin ich durchaus etwas mäkelig. Bäh. Ich muss dazu sagen, dass in den fünf Monaten, in denen wir im Praktikum waren, wohl die Spülmaschine kaputt gegangen ist. Letzte Woche erst hatte eine meiner Kolleginnen die ganze Schweinerei mit der Hand weggespült, weil sie es einfach nicht mehr sehen konnte, und jetzt das!

In dem Moment, als ich mit ziemlicher Wut im Bauch die Besteckschublade zuknalle und die Küche einen Saustall schimpfe, schlendern zwei Damen aus der nächsten Umschulung an mir vorbei und beschleunigen auffällig schnell in Richtung ihres Klassenraumes.

 

"Entschuldigt bitte!" rufe ich, "fühlt sich irgendwer hier verantwortlich dafür, diesen Schweinestall hier mal in Ordnung zu bringen oder lassen wir das noch ein bisschen so stehen?".

Erschrockene Gesichter. Dann, wie aus der Pistole geschossen: "wir benutzen des hier alles net!". Ahja. Ich weise etwas motzig darauf hin, dass das eine Gemeinschaftsküche ist und sich somit jeder verantwortlich fühlen sollte und dampfe mit meinem Salat, aber immer noch ohne Werkzeug ab.

 

Zurück in unserem Raum sitze ich vor meinem Salat, den ich dank des leckeren, aber reichlichen Dressings ja nun auch nicht mit der Hand essen kann, und entscheide, nach hause zu gehen, bevor mein Magen versucht, sich selbst zu verdauen. In der Erwachsenenbildung geht das ja dankenswerterweise, wir alle sind alt genug, um auch zuhause adäquat zu lernen.

 

Als ich nochmal in die Küche komme wispert es aus dem besagten Klassenraum. "Des is die, die wo rumgeschrieen hat! Ja, die!".

Ich wappne mich gegen die zu erwartende Idiotie, und ein breit gebauter, aber offensichtlch noch recht infantiler Mittzwanziger nähert sich mir. Seine Rückendeckung ist der Quotennerd, der sich die größte Mühe gibt, mich nicht anzuschauen.

Klar, man sieht mir immer deutlich an, wie meine Laune so ist, und aktuell habe ich vermutlich eine tiefe Steilfalte zwischen den Brauen.

 

"Bist du die, wo rumgeschrieen hat?" will der Mittzwanziger wissen.

Ich hebe die Augenbraue. "Hätte ich rumgeschrieen, hättest du das mitbekommen. Aber ja, ich bin ziemlich angepisst von diesem Saustall hier. Das kann doch nicht sein, dass hier jeder permanent vorbeiläuft, sich aber nicht berufen fühlt, mal Ordnung zu machen!"

Er guckt schuldbewusst. "Dann muss halt die Spülmaschine repariert werden..." setzt er an.

"Und?" frage ich, "wir haben doch alle zwei gesunde Hände. Letzte Woche haben wir gespült, diese Woche könntet ihr das machen, nächste Woche die nächste Klasse. Wo ist das Problem?"

"Da haste recht", sagt er, "aber des is alles von der anderen Klasse, des sollen die spülen!"

Ich hab genug. "Weisst du was? Mir ist egal, wer das spült, aber wir werden es nicht wieder machen. Wenn das morgen noch genau so aussieht, nehme ich die Tassen, die ich mitgebracht habe, mit nach Hause, und den Rest schmeiß ich weg. Sorry, wenn es jetzt euch trifft, aber das ist doch kein Zustand!"

 

Er nickt und ich gehe.

Warum mich das so aufregt? Tja, gute Frage. Es geht nicht um die Küche. Auch nicht um den Dreck.
Es geht ums Mitdenken, um sich kümmern, etwas tun; nicht weil man den Mist zu verantworten hat, sondern weil etwas getan werden muss.
Natürlich hätte ich das ohne Probleme wegspülen können, aber ich hatte die Wut im Bauch und das dringende Bedürfnis, diesen kleinen Ferkeln klar zu machen, dass sich sich ebenso um die Dinge, die sie benutzen, kümmern müssen wie jeder andere Erwachsene auch.

 

Mich ärgert das. Es zeigt mir, wie wenig erwachsen so viele Menschen sind. Die Geschirr-nicht-abspüler-weil-sie-es-nicht-dreckig-gemacht-haben sind die jenigen, die den Platz in der Bahn nicht frei machen und die, die vollbeladenen Einkäufern die Tür vor der Nase zufallen lassen.

Sowas ärgert mich. Ich wünsche mir mehr Achtsamkeit im Umgang miteinander, auf jeder Ebene, auch auf der ganz banalen und alltäglichen. Zumindest einer hat die Lektion gelernt: der arme Mittzwanziger sah aus, als hätte ihm Mutti gerade eine heftige Standpauke gehalten. Schimpfen kann ich. 

 

Und weil ich mich nicht mehr ärgern möchte, hab ich den Brass kanalisiert und zu etwas hübschem gemacht: einem Bestecketui zum mitnehmen auf die Arbeit oder in die Schule.

So eins hatte ich auch für meine Ausbilderin im Praktikum genäht, aber vergessen, es zu knipsen. Asche auf mein Haupt! Da trifft es sich natürlich gut, dass ich jetzt einen Grund gefunden habe, mir ein eigenes zu nähen.

Der Außenstoff ist der gleiche wie der meiner #DelariBag1, ein Canvas mit einem tollen, grafischen Muster - natur und schwarz, monochrom, aber eben nicht langweilig.
Innen habe ich einen sonnengelben Baumwollstoff mit kleinen, weißen Punkten benutzt, woher ich den habe, weiß ich allerdings mal wieder nicht. Verschlossen wird sie mit Hosenträgerklipsen, die hatte ich noch über - hübsch und stabil, da kann nichts aufgehen!

Einen Schnitt gibt es nicht - wie so oft habe ich frei Schnauze zugeschnitten und beim nähen entschieden, wie es letztlich werden soll.

Damit das Etui auch hübsch gefüllt werden kann, brauche ich besonderes Besteck. Ich mag es, bestimmte Dinge bestimmten Zwecken oder Orten zuzuordnen - so war zum Beispiel eine bestimmte Tasse während der fünf Monate Praktikum meine treue Begleiterin, und zwar diese, und keine andere. Ich bin da etwas komisch.

Fündig geworden bin ich heute mittag in der Innenstadt, und jetzt bin ich um zwei Mitnehm-Bestecksets reicher. Und sie haben STREIFEN! Großartig, das versüßt den Schulalltag und wird mich sicher motivieren, mir wieder öfter einen leckeren Salat mitzunehmen.

So. Genug gelabert, Dampf abgelassen, euch mit Fratzengulasch amüsiert (hoffe ich doch!). Und zwei Beiträge an einem Tag reichen ja auch, gell?

Habt's schön - ich nehm jetzt meine Prinzessinnentasse mit dem leckeren Zimtkaffee und verzieh mich auf die Monstercouch, bis der Stadtkerl wieder kommt.

 

Das Stadtkind

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